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Tag 5 – Zwei Pannen, ein Gewitter und vielleicht ein Schutzengel

14. Juli 2026 | Von Göttingen nach Celle – fast 170 Kilometer

Nach einer erholsamen Nacht im Freigeist Hotel in Göttingen begann der Tag genau so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Ich hatte wunderbar geschlafen und das Frühstück ausgiebig genossen. Wer das Frühstück im Freigeist kennt, weiß, warum ich mich schon am Vorabend darauf gefreut hatte. Mit vollem Bauch und neuer Energie machte ich mich auf den Weg Richtung Norden.

Die Euphorie hielt allerdings nur bis kurz hinter den Ortsausgang von Göttingen. Plötzlich war die Straße gesperrt, weil nach Sprengmitteln gesucht wurde. Wieder einmal wurde mir bewusst, dass der Zweite Weltkrieg selbst heute noch Spuren hinterlässt. Blindgänger werden auch mehr als acht Jahrzehnte später immer wieder gefunden und sorgen dafür, dass Straßen gesperrt oder ganze Stadtteile evakuiert werden müssen. Für mich bedeutete das zunächst nur einen kleinen Umweg von ein oder zwei Kilometern, bis ich wieder auf meiner geplanten Route war.

Über Bovenden und Nörten-Hardenberg rollte ich weiter Richtung Northeim. Die Beine fühlten sich gut an und ich war richtig motiviert. Doch plötzlich hörte ich ein leises Knacken am Fahrrad. Anfangs hoffte ich noch, dass es nur eine Kleinigkeit sei, aber schon nach wenigen Kilometern war ich mir ziemlich sicher, dass die Pedale die Ursache sein mussten. Also beschloss ich spontan, in Northeim einen Fahrradladen aufzusuchen.

Bei Ansorge Fahrrad wurde ich sofort freundlich empfangen. Ich kaufte neue Pedale und bekam sogar einen langen Inbusschlüssel ausgeliehen. Die erste Pedale war in wenigen Minuten gewechselt, doch die zweite saß so fest, dass sich überhaupt nichts bewegte. Ein längerer Hebel brachte genauso wenig Erfolg wie meine eigenen Versuche. Die Mitarbeiterin schickte mich schließlich in die Werkstatt, wo zwei Mechaniker sofort alles stehen und liegen ließen, um mir zu helfen. Gemeinsam versuchten sie mit aller Kraft, die Pedale zu lösen – erfolglos. Selbst ein Schlagschrauber brachte keine Bewegung. Langsam wurde mir mulmig. In Gedanken spielte ich bereits durch, ob ich mit der alten Pedale weiterfahren müsste oder sogar einen komplett neuen Kurbelarm benötigen würde.

Doch die beiden gaben nicht auf. Als letzten Versuch bauten sie den Kurbelarm aus und erhitzten ihn vorsichtig mit einem Gasbrenner. Und plötzlich bewegte sich die Pedale doch noch. Wenige Minuten später war die neue Pedale montiert und ich konnte meine Reise fortsetzen. Für die gesamte Reparatur wollten sie gerade einmal zwölf Euro. Solche Begegnungen machen eine Radreise aus. Menschen, die einem völlig selbstverständlich helfen, obwohl sie einen vorher noch nie gesehen haben. Dafür möchte ich mich noch einmal ganz herzlich beim Team von Ansorge Fahrrad bedanken.

Mit etwas Verspätung ging es weiter über Einbeck, Hildesheim und Lehrte. Doch lange sollte die Freude nicht anhalten. Irgendetwas fühlte sich am Hinterrad merkwürdig an. Zunächst schob ich das auf die vielen Kilometer und meine Müdigkeit. Aber das Gefühl wurde immer stärker. Also hielt ich an, nahm alle Taschen vom Rad, stellte es auf den Kopf und begann genauer zu suchen. Zuerst entdeckte ich lediglich einen leichten Achter in der Felge. Doch dann fiel mein Blick auf den Mantel. Die Seitenwand begann sich aufzulösen. Endlich hatte ich den Fehler gefunden – allerdings auch gleich das nächste Problem. Wo sollte ich unterwegs einen passenden Reifen bekommen?

In Lehrte fand ich zwar einen Fahrradladen, doch ausgerechnet meine Reifengröße war nicht vorrätig. Der Mitarbeiter hätte mir bis zum nächsten Tag einen besorgen können, aber mein geplanter Campingplatz lag noch fast 30 Kilometer entfernt. Zum Glück gab er mir den Tipp, in Burgdorf einen weiteren Fahrradladen zu versuchen. Also fuhr ich weiter und tatsächlich: Dort lag ein passender Reifen im Regal. Erleichtert befestigte ich ihn zunächst auf meinem Gepäck. Wechseln wollte ich ihn erst am Abend auf dem Campingplatz.

Kurz hinter Burgdorf fiel mir dann etwas auf, das ich auf der bisherigen Reise noch gar nicht gesehen hatte – meine erstes Windrad. Erstaunlich eigentlich, denn bis dahin war ich durch Regionen gefahren, in denen Windräder kaum zu sehen waren. Langsam veränderte sich nicht nur die Landschaft, sondern auch das Gefühl, immer weiter Richtung Norden zu kommen.

Als ich schließlich den Campingplatz in Ehlershausen erreichte, wartete allerdings die nächste Enttäuschung. Der Platz war ausschließlich für Dauercamper vorgesehen. Selbst meine freundliche Nachfrage wurde ziemlich knapp beantwortet: Für mich sei dort kein Platz. Nach fast 170 Kilometern, zwei technischen Problemen und Temperaturen um die 30 Grad war das genau die Nachricht, die ich an diesem Abend nicht mehr hören wollte.

Also setzte ich mich noch einmal hin und suchte über das Handy nach einer Alternative. Schließlich fand ich ein Hotel in Celle. Im Nachhinein war genau diese Entscheidung wahrscheinlich mein größtes Glück an diesem Tag. Während ich am Abend bereits im Hotelzimmer lag, zog draußen ein heftiges Unwetter über die Region Hannover hinweg. Orkanartige Böen, Starkregen und Gewitter sorgten für erhebliche Schäden und Verkehrschaos. Vom Fenster aus konnte ich beobachten, wie sich die Bäume im Wind bogen, während ich trocken und sicher in meinem Bett lag.

In diesem Moment fragte ich mich unweigerlich, ob da heute vielleicht doch ein kleiner Schutzengel mitgefahren war. Nach zwei Pannen, einer gescheiterten Campingplatzsuche und fast 170 Kilometern im Sattel hätte der Tag kaum turbulenter verlaufen können. Den neuen Reifen zu montieren verschob ich deshalb auf den nächsten Morgen. Die Kraft war einfach aufgebraucht. Rückblickend war dieser Tag ein perfektes Beispiel dafür, dass auf einer langen Radreise nicht immer alles nach Plan läuft. Aber oft sorgen genau diese unerwarteten Wendungen dafür, dass am Ende die Geschichten entstehen, an die man sich noch Jahre später erinnert.

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