Mit dem voll bepackten Reiserad auf dem Weg vom Lanzer See zum Weißenhäuser Strand während der Fahrradreise von Ulm nach Stockholm.
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Tag 7 – Manchmal entscheidet ein kleiner Moment über den ganzen Tag

16. Juli 2026 | Vom Lanzer See zum Weißenhäuser Strand – 130 Kilometer

Nach einer erholsamen Nacht am Lanzer See begann der siebte Tag meiner Reise deutlich entspannter als die vorherigen. Die Temperaturen waren endlich angenehmer geworden und ein leichter Wind machte das Radfahren wesentlich angenehmer als in den heißen Tagen zuvor. Noch etwas verschlafen packte ich morgens in aller Ruhe meine Sachen zusammen und freute mich darauf, heute endlich die Ostsee zu erreichen.

Doch kaum wollte ich das Zelt verstauen, hörte ich plötzlich ein lautes Knacks. Im ersten Moment wusste ich überhaupt nicht, was passiert war. Erst als ich merkte, dass ich meine Brille noch gar nicht aufgesetzt hatte, wurde mir klar, was geschehen sein musste. Also öffnete ich den Packsack wieder und zog das Zelt noch einmal heraus. Dort lag sie – allerdings nicht mehr als Brille, sondern in zwei Einzelteilen.

Ein kurzer Versuch mit Sekundenkleber brachte genau den Erfolg, den man erwarten konnte: keinen. Die Brille war endgültig kaputt.

Das war weit mehr als nur ein kleines Ärgernis. Meine Brille ist eine Gleitsichtbrille und gleichzeitig selbsttönend. Ohne sie hätte ich weder mein Garmin vernünftig ablesen noch meine Augen vor der Sonne schützen können. Während ich meine restlichen Sachen zusammenpackte, kreisten meine Gedanken nur noch um eine Frage: Wie soll ich die nächsten Wochen bis Stockholm ohne vernünftige Brille schaffen?

Trotzdem blieb mir nichts anderes übrig, als erst einmal loszufahren. Die ersten Kilometer verliefen ruhig entlang des Kanals, doch innerlich war ich alles andere als entspannt. Plötzlich kam mir eine Idee. Warum eigentlich nicht nach einer Fielmann-Filiale suchen? Vielleicht hatte man dort mein Gestell noch auf Lager.

Ein Blick aufs Smartphone machte Hoffnung. In Mölln, direkt auf meiner Strecke, gab es tatsächlich eine Filiale.

Dort angekommen wurde ich sofort freundlich empfangen. Der Mitarbeiter gab meine Daten ein und hatte innerhalb weniger Sekunden meine komplette Brille im System gefunden. Als er sagte, dass mein Gestell leider nicht mehr verfügbar sei, sackte mir für einen kurzen Moment das Herz in die Hose. Doch noch bevor ich etwas sagen konnte, ergänzte er lächelnd: „In einer anderen Farbe hätten wir es noch.“

Ich musste lachen und antwortete nur: „Die Farbe ist mir heute wirklich völlig egal.“

Meine einzige Sorge war, wie lange der Austausch der Gläser dauern würde.

„Etwa zwanzig Minuten“, lautete die Antwort.

Ich konnte mein Glück kaum fassen. Gerade einmal 20 Minuten später hielt ich wieder eine funktionierende Brille in der Hand. Der Mitarbeiter entschuldigte sich sogar noch dafür, dass es fünf Minuten länger gedauert hatte, weil er die Gläser noch perfekt angepasst hatte. Ehrlich gesagt hätte ich auch zwei Stunden gewartet. Stattdessen verließ ich das Geschäft erleichtert, mit einer neuen Brille und gerade einmal 79 Euro weniger in der Tasche. Ohne diesen großartigen Service wäre meine Reise vermutlich deutlich komplizierter geworden.

Mit einem breiten Grinsen fuhr ich weiter Richtung Ostsee. In Lübeck legte ich noch einen kleinen Zwischenstopp ein und schlenderte kurz durch die historische Altstadt. Viel Zeit nahm ich mir allerdings nicht, denn ich wollte das Meer erreichen.

Je näher ich jedoch dem Timmendorfer Strand kam, desto voller wurde es. Nach einer Woche, in der ich fast ausschließlich Wälder, kleine Dörfer und ruhige Radwege erlebt hatte, traf mich der Trubel völlig unerwartet. Menschen überall, volle Promenaden und eine Hektik, die so gar nicht zu meiner bisherigen Reise passte. Ich merkte, wie mich diese Menschenmassen regelrecht überforderten.

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, an diesem Tag sogar noch bis Fehmarn weiterzufahren. Doch irgendwann musste ich mir eingestehen, dass meine Kraft dafür nicht mehr ausreichen würde. Körperlich war ich müde, aber vor allem merkte ich, dass auch meine mentale Energie langsam aufgebraucht war.

Also entschied ich mich spontan für einen Campingplatz am Weißenhäuser Strand. Mit den letzten Reserven erreichte ich schließlich mein Tagesziel.

Dort musste ich allerdings zunächst Geduld mitbringen. Ein junges Paar war mit seinem Camper gegen ein anderes Fahrzeug gefahren und völlig überfordert mit der Situation. Obwohl die Mitarbeiterin des Campingplatzes eigentlich längst Feierabend hatte, kümmerte sie sich mit beeindruckender Ruhe und Geduld um die beiden. Als ich schließlich an der Reihe war, wurde ich trotz der Verspätung herzlich empfangen und sogar noch auf einen Feierabendkaffee eingeladen. Solche kleinen Gesten sind es, die einem auf einer langen Reise besonders in Erinnerung bleiben.

Mit dem voll bepackten Reiserad auf dem Weg vom Lanzer See zum Weißenhäuser Strand während der Fahrradreise von Ulm nach Stockholm.

Nachdem das Zelt aufgebaut war und ich endlich duschen konnte, ging ich hinunter an den Strand. Dort passierte etwas, womit ich selbst nicht gerechnet hatte.

Mit Blick auf die Ostsee brach plötzlich alles aus mir heraus. Die vergangenen Tage, die vielen Kilometer, die körperliche Erschöpfung und vor allem der emotionale Ballast der letzten Monate fielen in diesem Moment von mir ab. Ich saß einfach nur am Strand und ließ die Gefühle zu.

Über diesen Augenblick habe ich bewusst keinen langen Abschnitt in diesem Reisebericht geschrieben. Stattdessen ist daraus ein eigener Artikel entstanden:

„900 Kilometer später – warum ich eigentlich losgeradelt bin.“

Darin beschreibe ich ehrlich, was in diesem Moment in mir vorging und warum diese Reise für mich so viel mehr ist als nur eine Fahrradtour nach Stockholm.

Rückblickend war dieser siebte Tag einer der wichtigsten der gesamten Reise. Nicht wegen der 130 Kilometer oder der erreichten Ostsee. Sondern weil mir an diesem Tag noch einmal bewusst wurde, warum ich überhaupt aufgebrochen bin. Manchmal braucht es eine zerbrochene Brille, eine unerwartete Begegnung und einen stillen Abend am Meer, um den eigenen Weg wieder ganz klar vor Augen zu haben.

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