900 Kilometer später – warum ich eigentlich losgeradelt bin

Heute ist Mittwoch. Vor nicht einmal einer Woche, am Donnerstagnachmittag, bin ich in Ulm auf mein Fahrrad gestiegen. Seitdem liegen fast 900 Kilometer hinter mir.
120, 140, 160 Kilometer am Tag. Bei Temperaturen um die 30 Grad.
Viele werden denken, ich wollte möglichst schnell nach Stockholm.
Aber wenn ich ehrlich bin, wollte ich gar nicht nach Stockholm.
Ich wollte einfach nur weg.
Weg von den letzten Wochen. Weg von dem Druck. Weg von dem Frust, der sich langsam in mir aufgebaut hatte.
Von Anfang an habe ich Gas gegeben. Kilometer für Kilometer. Ich hatte keine Lust zu fotografieren. Keine Lust zu bloggen. Keine Lust, schöne Geschichten zu schreiben. Ich wollte einfach nur treten. Immer weiter.
Denn ich war im Kopf überhaupt nicht bereit für dieses Abenteuer.
Die letzten Wochen als Betriebsrat haben mich mehr Kraft gekostet, als ich mir eingestehen wollte. Dieses Gefühl, den Kolleginnen und Kollegen helfen zu wollen und trotzdem immer wieder an Grenzen zu stoßen. Entscheidungen anderer ausgeliefert zu sein. Der ewige Kampf darum, dass Vorschläge überhaupt gehört werden. Und dann all die Informationen, die man mit sich herumträgt und mit niemandem teilen darf.
Man nimmt all das mit nach Hause.
Man schläft damit ein.
Man wacht damit wieder auf.
Und irgendwann merkt man gar nicht mehr, wie schwer dieser Rucksack geworden ist.
Sechs Tage lang habe ich versucht, diesen Rucksack einfach wegzuradeln.
Ich dachte, wenn ich nur genug Kilometer fahre, bleibt der Frust irgendwann am Straßenrand liegen.
Aber irgendwann wurde mir klar:
Gedanken kann man nicht abhängen.
Egal wie schnell man fährt.
Heute sitze ich am Strand, in der Nähe des Weißenhäuser Strands.
Zum ersten Mal seit dem Start werde ich langsamer. Nicht nur mit den Beinen, sondern auch im Kopf.
Ich höre eine alte Yoga-CD von Putumayo. Musik aus aller Welt. Musik, die zum Träumen einlädt. Vor mir färbt die untergehende Sonne den Himmel in warme Orange- und Rottöne. Das Meer ist fast spiegelglatt.
Eigentlich ein perfekter Moment.
Und genau in diesem Moment kullern mir plötzlich Tränen über das Gesicht.
Nicht, weil etwas Schlimmes passiert ist.
Sondern weil ich mich nach fast 900 Kilometern zum ersten Mal wieder selbst spüre.
Die letzten Tage waren alles andere als einfach.
Erst die defekten Pedale.
Dann der Fahrradständer, der sich praktisch in seine Einzelteile aufgelöst hat.
Heute Morgen habe ich dann auch noch beim Einpacken meines Zeltes meine Brille vergessen. Als ich sie wiederbekam, war sie genau in der Mitte durchgebrochen.
Jedes einzelne Mal lief es gleich ab.
Erst kam die Panik.
Dann wurde ich nervös.
Mein Kopf machte zu.
Ich dachte nicht mehr klar.
Doch nach einer Weile passierte immer das Gleiche.
Ich fing an, Lösungen zu suchen.
Und jedes einzelne Problem ließ sich lösen.
Zum Glück hatte sogar mein Optiker genau mein Brillengestell hier oben im Norden auf Lager.
Eigentlich müsste mir genau das Mut machen.
Denn wenn ich ehrlich bin: Wer macht heute noch solche Abenteuer ganz allein? Wer fährt Tag für Tag durch unbekannte Gegenden, löst technische Probleme, organisiert Übernachtungen und steht immer wieder alleine vor neuen Herausforderungen?
Und noch etwas habe ich gelernt.
Wenn man Menschen um Hilfe bittet, wird einem fast immer geholfen.
Vielleicht ist die Welt viel hilfsbereiter, als wir manchmal glauben.
Trotzdem bleibt da diese eine Frage.
Warum reicht mir das alles nicht?
Warum freue ich mich nicht einfach über das, was ich bereits geschafft habe?
Fast 900 Kilometer.
Alle Probleme gelöst.
Gesund.
Am Meer.
Bei einem traumhaften Sonnenuntergang.
Und mein Kopf?
Der denkt schon wieder an morgen.
An Kopenhagen.
An Stockholm.
An das nächste Ziel.
Immer weiter.
Immer höher.
Immer schneller.
Ich frage mich ernsthaft, wann ich endlich lerne, einfach mal im Hier und Jetzt zu sein.
Das Alleinreisen hat viele Vorteile. Ich kann machen, was ich möchte. Niemand redet mir hinein. Ich entscheide jeden Tag selbst.
Aber gerade heute Abend merke ich auch die andere Seite.
Es wäre schön, jetzt jemanden neben sich sitzen zu haben.
Gar nicht, um viel zu reden.
Sondern einfach jemanden, der versteht, was gerade in einem vorgeht.
Jemanden, mit dem man schweigend auf das Meer schauen kann.
Einen Seelenverwandten.
Vielleicht ist das für einen Dickkopf wie mich gar nicht so leicht zu finden.
In zwei Tagen werde ich Kopenhagen erreichen.
Dort bekommt mein Körper endlich die Pause, die er dringend braucht.
Und vielleicht bekommt auch mein Kopf diese Pause.
Vielleicht schaffe ich es dort, Körper und Geist wieder miteinander in Einklang zu bringen.
Ja, ich weiß.
Viele würden jetzt sagen: „Mach doch Atemübungen. Meditiere.“
Ich kenne mich.
Bei mir funktioniert Veränderung meistens erst dann, wenn sie wehtut.
Vielleicht ist genau das meine größte Stärke.
Vielleicht aber auch meine größte Schwäche.
Während die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwindet, wird mir noch etwas klar.
Diese Reise ist längst keine Fahrradtour mehr.
Die Kilometer sind nur das Sichtbare.
Die eigentliche Reise findet in mir statt.
Vielleicht fahre ich gar nicht nach Stockholm.
Vielleicht fahre ich gerade Stück für Stück wieder zu mir selbst.
Und wenn das gelingt, dann sind diese fast 900 Kilometer wahrscheinlich die wichtigsten meines Lebens.