Noch zwei Tage – zwischen Alltag und Abenteuer

Noch zwei Tage.
Eigentlich müsste ich längst voller Vorfreude sein. Dieses Kribbeln im Bauch, das mich sonst schon Wochen vor einer großen Tour begleitet, ist dieses Mal erstaunlich spät gekommen. Und wenn ich ehrlich bin, weiß ich auch warum.
Die vergangenen Wochen waren geprägt von Terminen, Verantwortung und Organisation. Ich durfte an einem Kommunikationscamp der IGBCE teilnehmen, habe mich intensiv mit Kommunikation und Kommunikationszirkeln beschäftigt. Gleichzeitig mussten wir im Betriebsrat wegen der aktuellen Situation unsere Klausurtagung nur eine Woche vorher komplett neu planen. Dazu kamen zahlreiche Gespräche mit Beratern, die Organisation von Unterstützungsmaßnahmen für den Betriebsrat und viele weitere Termine.
Und als wäre das nicht genug, stehen in den nächsten beiden Tagen noch eine Betriebsversammlung und eine Sitzung des Konzernbetriebsrats an unserem Standort auf dem Programm.
Irgendwie blieb zwischen all diesen Verpflichtungen kaum Zeit, mich innerlich auf meine Reise einzustimmen.
Erst am vergangenen Sonntag habe ich mir bewusst einen Moment genommen.
Ich habe stundenlang Reisevideos auf YouTube angeschaut. Menschen, die mit dem Fahrrad die Welt erkunden. Geschichten von endlosen Straßen, beeindruckenden Landschaften, von Einsamkeit und wunderbaren Begegnungen. Berichte über schwierige Tage, an denen scheinbar alles schiefgeht, und über Augenblicke, die man nie wieder vergisst.
Dabei kam ich mir manchmal fast ein wenig klein vor.
Viele Menschen sehen meine Touren bereits als großes Abenteuer. Für viele ist selbst eine Fahrt von Ulm nach Stockholm kaum vorstellbar. Doch wenn ich sehe, wie andere monatelang oder sogar jahrelang mit dem Fahrrad durch Kontinente reisen, dann wird mir bewusst, wie groß diese Welt eigentlich ist.
Und gleichzeitig wächst in mir ein Wunsch immer weiter.
Der Wunsch, irgendwann selbst ein wirklich großes Abenteuer zu wagen. Nicht nur einige Wochen unterwegs zu sein, sondern vielleicht einmal viele Monate lang. Ohne festen Plan. Einfach losfahren und schauen, wohin der Weg führt.
Was mich dabei immer wieder überrascht, sind die Reaktionen vieler Menschen.
Sobald ich von solchen Reisen erzähle, höre ich oft Sorgen und Ängste. Angst vor fremden Ländern. Angst vor anderen Kulturen. Angst vor unbekannten Menschen.
Doch all die Videos, Bücher, Blogs und Reiseberichte erzählen eine ganz andere Geschichte.
Immer wieder berichten Radreisende davon, wie hilfsbereit Menschen überall auf der Welt sind. Wie oft ihnen völlig Fremde geholfen haben. Wie Gastfreundschaft Grenzen überwindet und wie aus zufälligen Begegnungen unvergessliche Erinnerungen entstehen.
Genau das möchte ich selbst erleben.
Die ersten beiden Übernachtungen sind bereits über One Night Tent organisiert. Ich bin unglaublich gespannt, welche Menschen ich dort kennenlernen werde. Wer seinen Garten oder sein Grundstück kostenlos für Reisende öffnet, muss eine besondere Geschichte zu erzählen haben. Solche Begegnungen machen eine Reise oft wertvoller als jede Sehenswürdigkeit.
Genauso freue ich mich aber auf die andere Seite dieser Tour.
Auf die Ruhe.
Auf die Einsamkeit.
Vor allem in Schweden, wo das Jedermannsrecht es ermöglicht, mitten in der Natur zu zelten, solange man respektvoll mit ihr umgeht. Oder in einem der vielen Shelter zu übernachten, die von engagierten Menschen gepflegt werden, damit Reisende einen sicheren Platz für die Nacht finden.
Genau diese Mischung macht für mich den Reiz dieser Reise aus.
Menschen kennenlernen.
Allein sein.
Natur erleben.
Einfach den Gedanken freien Lauf lassen.
Noch sind meine Gedanken allerdings oft im Alltag. Die Verantwortung im Beruf und im Betriebsrat lässt sich nicht einfach mit einem Knopfdruck ausschalten.
Aber ich kenne mich.
Spätestens wenn ich nach den ersten Kilometern auf dem Fahrrad sitze, der Wind im Gesicht weht und am Abend langsam der Po wehtut, passiert jedes Mal dasselbe.
Dann verschwindet der Alltag.
Dann werden Termine unwichtig.
Dann zählt nur noch der nächste Kilometer, der nächste Sonnenuntergang und die Frage, wo ich heute Nacht mein Zelt aufschlagen werde.
In zwei Tagen beginnt mein kleines Abenteuer.
Und ich hoffe, dass daraus Erinnerungen entstehen, die mich noch lange begleiten werden.
Bis bald – irgendwo zwischen Ulm und Stockholm.


