Tag 12 – Tschüss Dänemark, hej Schweden!
21. Juli 2026 | Von Kopenhagen über Helsingør und Helsingborg bis in die Nähe von Båstad
Nach den Tagen in Kopenhagen fühlte ich mich endlich wieder richtig erholt. Die Beine hatten Pause bekommen, der Kopf ebenfalls, und am Morgen war die Lust aufs Weiterfahren wieder da. Heute stand außerdem ein besonderer Moment meiner Reise bevor: Ich würde Dänemark verlassen und Schweden erreichen. Damit rückte Stockholm wieder ein großes Stück näher.
Nach dem Frühstück startete ich gegen acht Uhr. Das Wetter war allerdings alles andere als einladend. Regen begleitete mich und dazu kam teilweise heftiger Gegenwind. Zunächst musste ich aber überhaupt erst einmal aus Kopenhagen herauskommen. Bei einer Großstadt dieser Größe dauert das mit dem Fahrrad eben eine Weile, selbst wenn die Radwege hervorragend ausgebaut sind.
Und dann meldete sich ziemlich energisch mein Frühstückskaffee.
Das ist übrigens eine Situation, die in keinem Hochglanzbericht über Radreisen ausreichend gewürdigt wird: Man fährt mit einem voll beladenen Fahrrad durch eine Millionenstadt, der Kaffee beginnt zuverlässig seine biologische Wirkung zu entfalten und plötzlich werden Sehenswürdigkeiten, Architektur und perfekte Radwege vollkommen nebensächlich. Die wichtigste Frage lautet nur noch: Wo zum Teufel ist hier eine Toilette?
Mit jedem Kilometer wurde die Lage dringlicher. Aber irgendwann lagen die letzten Häuser hinter mir und gleich im ersten Waldstück fand sich endlich eine Gelegenheit. Danach war die Welt schlagartig wieder in Ordnung und ich konnte mich erneut den wirklich wichtigen Dingen des Tages widmen: Radfahren und irgendwie gegen diesen verdammten Wind ankommen.
Die Strecke führte mich nun an der Küste entlang Richtung Helsingør. Eigentlich hätte das ein wunderschöner Abschnitt zum Genießen sein können, doch der Wind machte aus den Kilometern teilweise echte Arbeit. Gegenwind ist beim Radfahren sowieso eine besondere Form der Gemeinheit. Einen Berg sieht man wenigstens und weiß irgendwann: Oben ist Schluss. Gegenwind dagegen steht einfach da, unsichtbar und hartnäckig, und interessiert sich überhaupt nicht dafür, wie viele Kilometer man bereits in den Beinen hat.
Trotzdem rückte Helsingør langsam näher. Dort wartete die nächste Fährüberfahrt meiner Reise. Dieses Mal ging es nur über den schmalen Öresund nach Helsingborg – und damit nach Schweden.
Als ich auf der anderen Seite mit meinem Fahrrad von der Fähre rollte, war wieder einmal bemerkenswert, was nicht passierte: keine Ausweiskontrolle, kein großes Grenzprozedere. Einfach vom Schiff rollen und weiterfahren.
Ich liebe Europa.
Gerade auf einer Reise wie dieser wird einem bewusst, was offene Grenzen bedeuten. Innerhalb weniger Tage bin ich mit meinem Fahrrad durch mehrere Länder gefahren, habe Grenzen überquert und Fähren benutzt, ohne dass daraus jedes Mal ein bürokratischer Akt wurde. Was im Alltag selbstverständlich erscheint, fühlt sich auf einer solchen Reise plötzlich wieder wie ein großes Privileg an.
Und nun war ich tatsächlich in Schweden.
Allein dieser Gedanke gab mir neue Motivation. Stockholm war zwar noch weit entfernt, aber das Land meines eigentlichen Reiseziels hatte ich erreicht.
Von Helsingborg führte meine Strecke weiter Richtung Ängelholm. Dort legte ich eine längere Pause ein und kümmerte mich vor allem um meinen Proviant für den Abend. Mein Tagesziel war diesmal kein Campingplatz und kein Hotel, sondern wieder ein Shelter mitten in der Natur. Anders als bei meinem reservierten Platz in Dänemark war dieser sogar kostenlos.
Gefunden hatte ich den Übernachtungsplatz mit BikeTouri. Die App ist gerade für Radreisende praktisch, weil sie bei der Tourenplanung fahrradrelevante Orte und Übernachtungsmöglichkeiten sichtbar macht. Dazu gehören beispielsweise Camping- und Shelterplätze sowie weitere nützliche Punkte entlang einer Strecke. Gerade wenn man spontan unterwegs ist und morgens noch nicht genau weiß, wo man abends schlafen wird, kann so eine App die Suche erheblich erleichtern. Für mich war sie an diesem Tag jedenfalls genau das richtige Werkzeug, um einen ruhigen Schlafplatz abseits der großen Campingplätze zu finden.
Nach der Pause in Ängelholm wurde auch das Wetter endlich freundlicher. Der Regen verschwand, die Wolken lockerten sich auf und gegen Nachmittag zeigte sich Schweden von einer deutlich schöneren Seite. Besonders die letzten Kilometer machten richtig Spaß, denn ich kam auf den Bjäre Banvall. Die ehemalige Bahntrasse ist heute ein Rad- und Wanderweg und bot genau das, was ich nach Regen und Gegenwind gebrauchen konnte: entspanntes Radfahren abseits des Autoverkehrs durch eine wunderschöne Landschaft.
Je näher ich meinem Tagesziel in der Gegend von Båstad kam, desto ruhiger wurde es. Schließlich erreichte ich meinen Shelter mitten in der Natur. Kein großer Campingplatz, keine Musik vom Nachbarzelt, keine Wohnmobile und keine Rezeption – einfach nur Landschaft und Ruhe.
Genau danach hatte ich mich gesehnt.
An diesem Abend kam außerdem ein Ausrüstungsgegenstand zum ersten Mal ernsthaft zum Einsatz: mein Moskitonetz. Wer in Skandinavien unterwegs ist, weiß, dass die kleinen Blutsauger durchaus überzeugende Argumente dafür liefern können, warum so ein paar Gramm zusätzliches Gepäck eine ausgezeichnete Investition sind. Im Schutz des Netzes konnte ich mich schließlich entspannen und den Tag ausklingen lassen.
Am Morgen hatte ich Kopenhagen im Regen verlassen, mich durch heftigen Gegenwind bis Helsingør gearbeitet, war mit der Fähre über den Öresund gefahren und hatte schließlich schwedischen Boden unter den Reifen.
Am Abend lag ich irgendwo in der Natur nahe Båstad in einem Shelter, geschützt durch mein Moskitonetz und umgeben von Ruhe.
Schweden war erreicht.
Und damit fühlte sich Stockholm plötzlich nicht mehr wie ein weit entferntes Ziel auf einer Karte an. Ich war jetzt im richtigen Land. Von hier aus gab es nur noch eine Richtung:
weiter nach Norden.
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