Tag 5 – Manchmal ist der klügste Weg nicht der längste
13. Juli 2026 | Durch den Naturpark Knüll bis nach Göttingen
Nach einer ruhigen Nacht und endlich wieder richtig erholsamem Schlaf fühlte ich mich am Morgen deutlich frischer als an den Tagen zuvor. Trotzdem wusste ich, dass die Hitze auch heute wieder eine große Rolle spielen würde. Deshalb klingelte der Wecker früh, und schon am Morgen saß ich wieder im Sattel. Die kühlen Stunden wollte ich möglichst gut nutzen, bevor die Temperaturen erneut die 30-Grad-Marke erreichten.
Eines hatte ich aus den vergangenen Tagen gelernt: Nicht jede vermeintliche Abkürzung ist tatsächlich eine gute Idee. Also nahm ich mir diesmal etwas mehr Zeit, um meine Route sorgfältig zu prüfen. Tatsächlich fand ich eine Strecke, die mich ohne unnötige Schiebepassagen zurück auf meine geplante Route brachte. Mein Garmin Edge 1040 machte diesmal genau das, was ich von ihm erwartete – und führte mich zuverlässig durch den Tag.
Die Strecke führte zunächst durch den Naturpark Knüll. Ganz ohne Anstiege ging es zwar auch hier nicht, doch die meisten Steigungen verliefen durch schattige Wälder. Das machte das Fahren deutlich angenehmer als unter der prallen Sonne auf freiem Feld. Die abwechslungsreiche Mittelgebirgslandschaft mit ihren dichten Wäldern, kleinen Dörfern und weiten Ausblicken zeigte einmal mehr, wie vielfältig Deutschland für Radreisende sein kann.
Über Obermelsungen, Spangenberg und Hessisch Lichtenau arbeitete ich mich Kilometer für Kilometer nach Norden vor. Langsam begann ich, nach einem Campingplatz Ausschau zu halten. Doch egal wie oft ich suchte – entlang meiner Strecke wollte sich einfach keine passende Übernachtungsmöglichkeit finden lassen.
So führte mich die Route weiter über Trubenhausen bis nach Witzenhausen. Dort wollte ich notfalls nach einem Hotel suchen. Doch kaum war ich in der Altstadt angekommen, wurde schnell klar, dass das heute schwieriger werden würde als gedacht.
In Witzenhausen fand gerade das Stadtfest statt. Die engen Gassen waren voller Menschen, und an Radfahren war überhaupt nicht mehr zu denken. Also schob ich mein voll beladenes Fahrrad langsam durch die Menschenmengen. Nach den vielen Kilometern des Tages kostete selbst das bereits spürbar Kraft.
Während ich mich durch die Altstadt bewegte, fiel mein Blick auf das Navi.
Göttingen war gar nicht mehr weit entfernt.
Sofort musste ich an eines meiner Lieblingshotels denken: das Freigeist Hotel. Vor allem das fantastische Frühstück war mir noch bestens in Erinnerung geblieben. Ein kurzer Blick auf die verbleibende Strecke reichte jedoch aus, um ehrlich zu mir selbst zu sein.
Meine Kräfte waren aufgebraucht.
Zum ersten Mal auf dieser Reise entschied ich mich ganz bewusst gegen den Ehrgeiz und für die Vernunft.
Anstatt die letzten rund 30 Kilometer ebenfalls noch mit dem Fahrrad zu fahren, beschloss ich, den Zug nach Göttingen zu nehmen. Schließlich hatte ich mir den Zeitpuffer der vergangenen Tage genau für solche Situationen erarbeitet. Die Reise sollte kein Wettkampf werden, sondern ein Abenteuer, das ich gesund und mit Freude erleben wollte.
Natürlich lief auch dieser Plan nicht ganz ohne Überraschungen ab.
Google Maps führte mich zwar zuverlässig zum Bahnhof – verschwieg dabei allerdings ein entscheidendes Detail: Zum Bahnhof ging es fast ausschließlich bergauf.
Während ich mein schwer beladenes Reiserad die Steigung hinaufschob, beobachteten mich zwei ältere Damen mit sichtbarer Bewunderung. Als sie fragten, wohin meine Reise gehen sollte, erzählte ich ihnen von meinem Ziel Stockholm.
Ihre Reaktion sprach Bände.
Die beiden bekamen große Augen und konnten kaum glauben, welche Strecke noch vor mir lag. Solche Begegnungen motivieren ungemein. Sie zeigen einem, dass das, was für einen selbst inzwischen Alltag wird, auf andere immer noch beeindruckend wirkt.
Am Bahnhof hatte ich schließlich Glück. Der Zug fuhr ebenerdig ein, sodass ich mein schweres Fahrrad nicht über steile Treppen tragen musste. Dafür wartete bereits die nächste Herausforderung.
Der Zug war brechend voll.
Wie so oft waren ausgerechnet die Sitzplätze im Fahrradbereich von Fahrgästen ohne Fahrrad belegt. Also blieb ich die gesamte Fahrt bei meinem Rad stehen und achtete darauf, dass es in der Menschenmenge nicht umkippte. Glücklicherweise dauerte die Fahrt nur etwa 30 Minuten.
Mit jedem Kilometer auf der Schiene wuchs die Vorfreude auf das Ziel.
Ein weiches Bett.
Eine heiße Dusche.
Und am nächsten Morgen das hervorragende Frühstück im Freigeist Hotel.
Manchmal bedeutet Abenteuer eben nicht, stur jeden Kilometer mit eigener Kraft zu fahren. Manchmal besteht die größere Stärke darin, rechtzeitig zu erkennen, wann es sinnvoll ist, einen anderen Weg zu wählen.
Genau diese Entscheidung machte den fünften Reisetag für mich zu einem ganz besonderen. Nicht, weil ich jeden Kilometer gefahren bin – sondern weil ich gelernt habe, auf meinen Körper zu hören. Und ich bin sicher, dass mir genau diese Entscheidung auf den noch vielen hundert Kilometern bis Stockholm zugutekommen wird.
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