Immer Richtung Süden – Wiebke Lühmann
Es gibt Bücher, die liest man – und es gibt Bücher, die bleiben. Die Reisegeschichte von Wiebke Lühmann gehört ganz klar zur zweiten Kategorie. Nicht nur wegen der nackten Zahlen über 20.000 Kilometer, mehr als 400 Tage unterwegs, von Freiburg bis nach Kapstadt sondern vor allem wegen der Tiefe, mit der sie diese Reise erzählt.
Schon nach wenigen Seiten wird klar: Hier geht es nicht einfach um eine klassische Radreise im Sinne von „Start, Strecke, Ziel“. Natürlich kommen Landschaften, Länder und Begegnungen vor, aber das eigentliche Zentrum des Buches ist etwas anderes das Innenleben. Wiebke nimmt dich mit in ihre Gedankenwelt, in ihre Zweifel, Ängste, Hoffnungen und die ganz großen Fragen nach Freiheit und Selbstbestimmung.
Und genau das macht dieses Buch so besonders.
Mehr als nur Kilometer sammeln
Viele Radreiseberichte und du kennst das sicher selbst fokussieren sich stark auf die Route: Höhenmeter, Straßenbeschaffenheit, Campingplätze, Pannen. All das hat seinen Reiz, gerade wenn man selbst unterwegs ist oder plant.
Bei Wiebke verschiebt sich der Fokus. Die Strecke ist der Rahmen, aber die eigentliche Geschichte spielt sich im Kopf und im Herzen ab. Sie beschreibt, wie sich Angst anfühlt, wenn man alleine (oder zu zweit) durch unbekannte Regionen fährt. Wie sich Freiheit verändert, je weiter man sich von der eigenen Komfortzone entfernt. Und wie wenig Kontrolle man am Ende wirklich hat egal, wie gut man plant.
Diese Perspektive macht das Buch fast schon philosophisch, ohne dabei abgehoben zu wirken. Es bleibt greifbar, ehrlich und nah.
Zwei Menschen, ein extremes Abenteuer
Ein besonders spannender Aspekt ist die Dynamik zwischen zwei Menschen auf so einer langen Reise. Wer schon mal mehrere Tage oder Wochen am Stück mit jemandem unterwegs war, weiß: Das ist kein Urlaub, das ist ein echter Beziehungstest.
Hier zeigt sich die Stärke des Buches erneut. Wiebke beschreibt sehr offen, wie unterschiedlich zwei Persönlichkeiten mit Stress, Erschöpfung und Unsicherheit umgehen. Wie Konflikte entstehen und wie man (oder eben auch mal nicht) Lösungen findet.
Gerade dieser Teil macht das Buch unglaublich authentisch. Es ist kein glattgebügelter Abenteuerbericht, sondern ein ehrlicher Blick darauf, wie herausfordernd so ein Projekt wirklich ist. Und genau darin liegt die Inspiration: Nicht, weil alles perfekt läuft, sondern weil es eben nicht so ist.
Afrika neu sehen lernen
Ein weiterer starker Punkt ist die Veränderung der eigenen Sichtweise. Vor der Reise hatte Wiebke – wie viele von uns bestimmte Bilder von Afrika im Kopf. Während der Tour werden diese Stück für Stück hinterfragt und neu zusammengesetzt.
Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft, aber auch Unsicherheiten und kulturelle Unterschiede all das wird differenziert dargestellt. Es entsteht kein romantisiertes Bild, aber auch kein einseitig negatives. Stattdessen bekommt man das Gefühl, wirklich ein Stück Realität mitzuerleben.
Und genau das ist es, was gute Reiseberichte ausmacht: Sie erweitern den eigenen Horizont, ohne einfache Antworten zu liefern.
Das Interview, das alles greifbar macht
Besonders spannend wird das Ganze, wenn man sich zusätzlich das Interview auf dem YouTube-Kanal Hotel Matze anschaut. Dort spricht Wiebke sehr offen darüber, warum sie diese Reise machen musste nicht wollte, sondern musste.
Es geht um den Drang nach Freiheit, um das Ausbrechen aus gesellschaftlichen Erwartungen und um die Suche nach einem eigenen Weg. Themen, die vermutlich viele kennen, aber nur wenige so konsequent umsetzen.
Das Interview ergänzt das Buch perfekt, weil man die Person hinter den Worten noch einmal direkter erlebt. Ihre Art zu erzählen, ihre Reflexionen das wirkt alles sehr authentisch und macht die Leistung noch greifbarer.
Und jetzt ganz ehrlich mit einem Augenzwinkern 
Für jemanden, der einen klassischen Radreisebericht erwartet vielleicht mit Fokus auf Technik, Strecke und Abenteuer im „äußeren“ Sinne kann das Buch stellenweise ungewohnt sein.
Die sehr detaillierten Einblicke in das Gefühlsleben und auch in spezifisch weibliche Themen nehmen relativ viel Raum ein. Und ja, aus meiner Perspektive als Mann Mitte 50 kann man da durchaus mal denken: „Okay… jetzt würde ich lieber wieder was über die nächste Etappe lesen.“
Aber genau hier liegt auch die Stärke des Buches. Es zeigt eine Perspektive, die man vielleicht selbst so nicht erlebt und genau das macht es wertvoll. Wenn man sich darauf einlässt, bekommt man einen Blickwinkel, der über die klassische „Radreise-Story“ hinausgeht.
Und mit ein bisschen Humor lässt sich das Ganze sowieso entspannter lesen
Fazit: Ein Buch, das bleibt
Wiebke Lühmann ist für mich ganz klar das, was man eine echte Abenteurerin nennt. Nicht nur, weil sie diese unglaubliche Strecke gefahren ist, sondern weil sie den Mut hatte, sich selbst so ehrlich zu hinterfragen und das auch zu teilen.
Ihr Buch ist:
- spannend geschrieben
- emotional tiefgehend
- inspirierend ohne kitschig zu sein
- und vor allem: echt
Wenn du einen klassischen Radreisebericht suchst, wirst du hier nicht zu 100 % fündig. Wenn du aber verstehen willst, was so eine Reise mit einem Menschen macht mental, emotional und persönlich – dann ist dieses Buch absolut lesenswert.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis:
Radreisen sind nicht nur ein Weg durch Landschaften.
Sie sind immer auch ein Weg zu sich selbst
Mediendaten zum Buch
Wenn du das Buch selbst lesen oder für deinen Blog sauber vorstellen willst, sind hier die wichtigsten Daten kompakt zusammengefasst:
- Autorin: Wiebke Lühmann
- Titel: Immer Richtung Süden
- Erscheinungsjahr: 2025
- Verlag: Delius Klasing
- ISBN: 978-3-667-13203-1
- Genre: Reisebericht / Abenteuer / Biografie
- Umfang: ca. 300–350 Seiten
- Thema: Fahrradreise von Freiburg nach Kapstadt (20.150 km, über 400 Tage)
- Besonderheit: Starker Fokus auf persönliche Entwicklung, Emotionen und zwischenmenschliche Dynamik
- Ergänzend: Zur Reise gibt es inzwischen auch eine filmische Umsetzung
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